Lidia Piechulek


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Märchen





Bärenstarke Adleraugen

Gruselmärchen



Es lebte einmal ein Ritter namens Konrad. Seine Eltern starben früh und hinterließen ihm ein Stück Land mit zwei Dörfern, ein großes Stück Wald und eine alte Burg. Als der König alle seine Ritter zum Kreuzzug rief, verkaufte Konrad sein Land mit den zwei Dörfern, um ein Schlachtross und Rüstung zu kaufen, sodass ihm nur der Wald und die alte Burg blieben. Nach einigen Jahren war der Kreuzzug vorbei und der Ritter wurde nicht mehr gebraucht. Zurück kam Konrad bettelarm, er brachte keine Kriegsbeute mit, sein Pferd hatte er in der Schlacht verloren, seine Kleidung war abgetragen. Er verzog sich in seine Burg und lebte dort allein. Konrad hatte keine Diener, kein Pferd, und seine Burg war eher eine Ruine, die einsam im Wald stand. Der Ritter aber litt keinen Hunger, da er der beste Jäger im ganzen Land war. Er erlegte Wild, hatte immer Fleisch zu essen und was davon übrig blieb verkaufte er auf dem Markt in der Stadt, die zwei Tage Fußmarsch von seiner Burg entfernt lag. So ging es Jahr für Jahr.
Als Konrad alt wurde, konnte er nicht mehr so gut jagen, da seine Augen schwach wurden und seine Beine und Hände ihre Kraft verloren. Immer öfter verfehlte er sein Ziel, wenn er mit dem Bogen schoss. Und wenn er mal traf, war es ihm oft genug zu schwer in die Stadt zu laufen um seine Beute dort zu verkaufen.

Eines Tages kam ein rothaariger Heiler mit verschlagenem Gesicht in die Stadt. Der Heiler kaufte ein kleines Haus in der Seitengasse für sich und behandelte dort die Kranken. An seiner Tür prangte ein großes Schild. "Hier findet jeder Hilfe" Die Leute wunderten sich, wie der Heiler jedem zu helfen versprechen konnte.
"So ein Wunder könnte doch keiner vollbringen, außer der liebe Gott. Oder der Satan selbst", raunten die Stadtbewohner.


Die Leute kamen aber in sein Haus, sprachen mit dem Heiler, erzählten ihm über ihr Leid, ihre Wünsche, beklagten sich bei ihm über ihre Not und … der Heiler half ihnen. Geschichten über die Heilungen kursierten in der ganzen Stadt. Die Leute erzählten, dass die alte Gräfin bei dem rothaarigen Heiler war, danach schwanger wurde,obwohl sie in die Jahre gekommen war und die Hoffnung ein Kind zu bekommen schon längst aufgegeben hatte. Auch erzählten die Stadtbewohner über eine hässliche Bäckerin mit einer krummen Hakennase, die auch beim Heiler war und danach ein hübsches Gesicht bekam. Nach einiger Zeit verbreiteten sich die Gerüchte, dass der Heiler ein schwarzer Magier sei. Die Leute fürchteten sich, aber der Wunsch die Leiden loszuwerden, oder dass ihre großen Wünsche erfüllt werden sollten,war größer als die Angst. Bald besuchte fast die ganze Stadt den Heiler. Die Leute taten es heimlich, immer darauf bedacht, unbemerkt zu bleiben, als ob sie etwas Verbotenes taten.
Und als der Jäger Konrad hörte, dass ein blinder Bettler beim Heiler war und dann wieder das Licht der Welt erblicken konnte, ging der Jäger in die Stadt um den mysteriösen Heiler zu besuchen.
"Wenn er schon einem Blinden helfen kann, dann kann es für ihn nicht schwer sein mir bessere Augen zu geben", dachte Konrad, und als es dunkel wurde, schlich er zum Haus des Heilers. Er sah sich um, passte auf, dass ihn keiner sehen konnte. Die Gasse war ins Schwarz der Nacht gehüllt, kein Mensch war zu sehen. Er klopfte, die Tür ging sofort auf und Konrad betrat das Haus. Der Heiler kam ihm schon entgegen.
"Hast du Beschwerden, oder einen Wunsch, den ich dir erfüllen kann?"

"Ich bin alt. Meine Augen sind schlecht. Kannst du mir helfen?" Voller Hoffnung klang die Stimme des Jägers.
"Auf meinem Schild steht doch, dass ich jedem helfen kann!", lachte der Heiler verschlagen. "Was für Augen wünschst du dir?"
"Gute Augen! Ich wünsche mir Adleraugen", sprach Konrad seinen Wunsch aus. "Aber ich habe kein Geld, um für deine Arbeit zu bezahlen."
"Ich brauche kein Geld. Du bekommst Adleraugen, aber dafür musst du mir alle deine Erinnerungen geben. Über deine Eltern, über deine Kriege und die ruhmreichen Kämpfe", verlangte der Heiler.
"Wofür brauche ich denn meine Erinnerungen? Ich kann ohne sie gut leben!", dachte Konrad und willigte ein.
So machte der Heiler einen Trank, gab ihn dem Jäger. Augenblicklich schlief dieser ein. Er schlief tief und fest und als er aufwachte, hatte er wirklich zwei Adleraugen! Konrad war es unheimlich, dass er Vogelaugen hatte, andererseits freute er sich über die starke Sehkraft. Er bedankte sich bei dem Heiler, zog seine Kapuze tief ins Gesicht, damit niemand seine Vogelaugen sehen konnte und kehrte zurück in den Wald.
Seitdem verfehlte der Jäger kein Wild, wenn er mit dem Bogen schoss. Und wenn er in die Stadt musste um auf dem Markt Wild zu verkaufen, zog er immer die Kapuze übers Gesicht, damit niemand seine unheimlichen Augen sehen konnte.
So jagte er zufrieden einige Tage, aber dann setzte sich ein Gedanke in seinem Kopf fest und ließ ihn nicht mehr los.

"Ich könnte den Heiler um schnelle Beine bitten, dann wird mir kein Hirsch, kein Wildschwein mehr entkommen. Dann werde ich wirklich der beste Jäger in ganzem Land!"
Er ging erneut zu dem Heiler und klagte ihm sein Leid. "Ich bin alt geworden, meine Beine sind zu langsam und schwach. Kannst du mir schnelle Beine geben, so wie sie ein Hase hat?"
"Dafür musst du mir deine Gefühle geben, Liebe und Mitleid."
Sofort willigte der Jäger ein. "Wer wird mich schon lieben",dachte er, "da ich Vogelaugen habe? Und wenn mich schon keiner liebt, dann will ich auch keinen lieben! Mit wem soll ich Mitleid haben? Doch nicht etwa mit dem Tier, das ich jage?"
Wieder braute der Heiler einen Trank, Konrad nahm ihn zu sich und schlief sofort ein. Am nächsten Tag wachte er auf und sah seine Beine an. Er hatte Hasenbeine! Sie waren groß und ohne Fell, aber es waren die Hinterbeine eines Hasen! Erschrocken betrachtete Konrad seine Beine und wusste nicht, wie er jetzt laufen sollte. Der Heiler gab ihm ein Paar Stiefel und gab ihm warnende Worte mit auf den Weg.
"Wenn du diese Stiefel anhast, wird niemand deine Beine sehen. Du wirst laufen können wie jeder andere Mensch. Aber im Wald, wenn du das Wild verfolgst, musst du dich ihrer entledigen. Nur dann wirst du der Schnellste sein und kein Tier wird dir mehr entkommen."
Und so machte Konrad es, wie der Heiler es ihm gesagt hatte. Er jagte noch besser, da er schnell laufen konnte. Wenn er in der Stadt war, zog er die Stiefel an, die ihm der Heiler gegeben hatte und kein Mensch wusste, dass er statt normalen Beinen,Hasenbeine hatte.
Aber Konrad war nicht lange zufrieden. Er wollte stark sein, wie ein Bär! So ging er wieder zum Heiler, wie immer in der Nacht. Beim Heiler brannte eine Kerze, er öffnete dem Jäger sofort die Tür, als ob er auf Konrad schon gewartet hatte.
"Ich habe Adleraugen und die schnellsten Beine, die es nur gibt. Aber ich bin nicht stark genug mit einem Tier zu kämpfen. Ich will stark wie ein Bär sein! Verlang alles was du willst dafür, aber mach mich stark!"

"Der Preis wird aber hoch sein!", warnte der Heiler.
"Sag mir deinen Preis!" Konrads Stimme klang entschlossen.

"Du wirst stark wie ein Bär sein. Und noch dazu 200 Jahre lang leben, aber dafür musst du …"
Konrad unterbrach den Heiler sofort, als er von dem langen Leben hörte.
"Ich bin einverstanden, mit allem was du forderst."

"Ich werde dein Meister sein und du musst mir gehorchen", nannte der Heiler seinen Preis. Konrad willigte ein und trank sofort den Schlaftrank aus. Beim Einschlafen hörte Konrad das höhnische Lachen des Heilers.
Als er aufwachte, sah er aus wie ein Monster. Er war über zwei Meter groß, muskelbepackt, mit einem schweren Buckel. Seine kräftigen Arme mit riesigen, krallenartigen Händen hingen bis zum Boden. Er sah aus wie ein Tier mit scharfen, langen Reißzähnen. Seine Stimme war wie das Brüllen eines Bärs.
Am nächsten Tag stand das Haus des Heilers leer. Kein Schild, keine Arzneimittel, kein Heiler. Es war so, als ob es ihn nie gegeben hätte. Die Burg des Jägers war auch verlassen. Konrad folgte seinem Meister. Halb Tier, halb Mensch. Er war ein Wesen, das keine Vergangenheit und auch keine Zukunft hatte. Dieses Wesen war nur glücklich seinem Meister zu dienen.
Die Leute erzählten, dass ein Wunderheiler einmal dort und einmal dahin kam, allen Kranken helfen konnte
,aber leider nie lange an einem Ort verweilte. Ein schreckliches Monster begleitete ihn.

***



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